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Das Verb Das Verb drückt einen Zustand oder einen Vorgang aus. Die finite Form des Verbs (Personalform). Die Formen des Verbs, aus denen man die Person ablesen kann, heissen finite
Formen. Die infiniten Formen des Verbs Wir unterscheiden drei infinite Formen: 1. Infinitiv (Grundform): Är meynt alls z'wissu: Er meint alles zu wissen. In Visperterminen wird das Tätigkeitswort zusammen mit dem Fürwort sehr oft als ein Wort ausgesprochen. Darum ist es sinnvoll, diesen Ausdruck auch als ein Wort zu schreiben; z.B. gibras: (gib ira es): gib es ihr; gimmus (gib immu es): gebe es ihm! Gibsus: gib es! gibnes: (gib ine es): Gib es ihnen! Gseeschus: (gseescht dü es): Siehst du es? Gseeders: Seht ihr es; gseewers: (gsee wjer es): Sehn wir es? Die Betonung liegt immer auf dem Tätigkeitswort. Das Tätigkeitswort verändert sich dabei auch manchmal: aus gib mers wird: gimmers; aus het är (hat er) wird heder. Diese Formulierungen gehören zu den kompliziertesten, die eine Sprache aufzuweisen hat. In der italienischen Sprache werden die Fürwörter auch manchmal mit dem Tätigkeitswort (Verb) verbunden und als ein Wort geschrieben. Die Zeitformen des Verbs Wir unterscheiden im Schriftdeutschen sechs Zeitformen: 1. Präsens
(Gegenwart). 2. Perfekt (Vorgegenwart). 3. Imperfekt (Vergangenheit). 4.
Plusquamperfekt (Vorvergangenheit). 5. Furtur (Zukunft). 6. Futur II
(Vorzukunft):
Der Modus 1. Der Indikativ (Wirklichkeitsform). Im Indikativ steht was sicher, fest und wirklich ist. (Tatsachen). Äs schniijot: Es schneit. 2. Der Konjunktiv (Möglichkeits- und Bedingungsform). Im Konjunktiv steht die indirekte Rede und was gewünscht, gedacht oder angenommen wird. Mu kkeert säge, är gääje bald awägg: Man hört sagen, er gehe bald weg. Schii het gmeynt, schii siige alleynzig im Hüüs: Sie hat gemeint, sie sei allein im Haus. 3. Der Imperativ (Befehlsform). Im Imperativ stehen Befehle und Aufforderungen. Gäät jetz ga hewwu: Geht jetzt heuen! Willt jetz folge, säg! Willst du jetzt gehorchen!
Die Konjugation der Verben
Das Präsens Beim Terbiner Deutsch unterscheiden wir wie im Schriftdeutschen starke und schwache Tätigkeitswörter. Die starken Verben verändern sich bei der Abwandlung der Gegenwart und auch beim Mittelwort der Vergangenheit. Ein Beispiel für die starken Verben: Gegenwart (Indikativ) von schlaafu: schlafen: ich schlaafu, dü schlaafoscht, är old schii old äs schlaafot, wjer schlaafe, jer schlaafet, schii schlaafunt Nach diesem Beispiel werden alle Verben auf u abgewandelt: schaffu: arbeiten; schtälu: stehlen; bättu: beten; jättu: die Rute geben; hewwu: heuen; träägu: tragen; fälu: das Fell abziehen; ässu: essen; triichu: trinken; chräwwju: kratzen; schtreelu: kämmen; liggu: liegen: schtitzu: stürzen usw. usw. Die zweite und die dritte Person Einzahl haben oft zwei Formen: dü schlaafoscht old dü schlaafscht: du schläfst; är schaffot old är schafft: er arbeitet; dü schriiboscht old dü schriibscht: du schreibst; är bliibot old är bliibt: er bleibt usw. Ein Beispiel für die schwachen Verben: erchranke: krank werden: ich erchranke, dü erchrankescht, är old schii old äs erchranket; wjer erchranke, jer erchranket, schii erchrankent Nach diesem Beispiel werden alle Tätigkeitswörter, die auf e enden abgewandelt: erwaarme: wärmer werden; erleewe: lauwarm werden; ernjechtre: nüchtern werden; erlame: lahm werden; leyde: hässlicher werden; hibsche: schöner werden: ergaalte: keine Milch mehr geben; reere: meckern von Ziegen gesagt; liwwe: ausruhen; ermjede: müde werden; mälche: mehr Milch geben; biise: davonlaufen vom Vieh gesagt; lüoge: schauen; blääre: blöken; verleyde: verleiden; areyde: steif werden: riipfe: reif werden; füüle: faul werden; erwache: erwachen; gsunde: gesund werden; piischte: keuchen usw. Bei einer Frage verliert die erste Person das U oder das E: triich ich: trinke ich; erchrank ich: erkranke ich? Die Bildung des Präsens mit dem Hilfszeitwort tüo. Die Gegenwart wird sehr oft mit dem Wort tüo gebildet: är tüot Holz
schpaaltu; schii tüot schaffu; wjer tje jetz ässu; ich tüo güot schlaafu;
schii tjent schich schirrig üüfaregu: Sie regen sich sofort auf. Tjeder hewwu:
Bringt ihr die Heuernte ein? Die progressive Form der Gegenwart Dann haben wir eine progressive (fortschreitende) Form der Gegenwart. Es handelt sich um eine Gegenwart, die jetzt in der Gegenwart beginnt und in die Zukunft weist. Diese interessante Form wird mit gaa... ga gebildet: ich gaa ga wässeru: Ich gehe die Wiesen bewässern; gääder ga hewwu: Geht ihr die Heuernte einbringen? = Werdet ihr die Heuernte einbringen? Wjer gää hiitu ga heytu: Wir gehen heute Heidelbeeren pflücken. Gääwer ga schlaafu: Gehn wir jetzt schlafen! Auch der Ausdruck cho.....cho drückt diese progressive Form aus. Ich chumu eww cho hälfu: Ich komme, um euch zu helfen; (das Kommen ist in der Gegenwart, aber das Helfen liegt in der nahen Zukunft). Chumider cho lüoge: Kommt ihr schauen? Chumet cho ässu: Kommt essen! Äs chunt cho schniiju: Es schneit schon. Auch der Ausdruck laa.....la drückt eine Handlung aus, die jetzt beginnt und in der Zukunft vollendet wird. Wjer lää as Hüüs la buwwu: Wir lassen ein Haus bauen; (der Plan zum Bauen liegt in der Gegenwart, aber die Vollendung des Baues liegt in der nahen Zukunft). Ich laasus la machu: Ich lasse ihn in Ruhe. Ich laa d' Aräbe la schpritzu: Ich gebe einem den Auftrag, meine Reben zu spritzen. Wjer lää la metzggu: Wir lassen schlachten. Redewendung: Laa mi do la sii: Lass mich doch in Ruhe! Es gibt auch einige unregelmässige Verben: nä: nehmen; Gegenwart (Indikativ): ich nimu, dü nimscht, är old schii nimt; wje näme, jer nämet, schii nimunt old nämunt; hä: haben; Gegenwart (Indikativ): ich hä, dü hescht, är old schii het, wjer hey, jer heyt, schii heynt sii: sein; Gegenwart (Indikativ): ich bi, dü bischt, är old schii ischt, wjer sii, jer siit, schii sint wellu: wollen; Gegenwart (Indikativ): ich will, dü willscht, är will, wjer welle, jer wellet, schii wellunt sellu: sollen; Gegenwart (Indikativ): ich soll, dü sollscht, är old schii soll, wjer selle, jer sellet, schii sellunt mägu: mögen, fähig sein; Gegenwart (Indikativ): ich mag, dü magscht; är old schii mag; wjer mäge, jer mäget, schii mägunt gaa: gehen; Ggenwart (Indikativ): ich gaa, dü geyscht, är old schii geyt; wjer gää, jer gäät, schii gäänt cho: kommen; Gegenwart (Indikativ): ich chumu, dü chuischt, är old schii chunt, wjer chume, jer chumet, schii chumunt laa: lassen; Gegenwart (Indikativ): ich laa, dü laascht, är old schii laat,
wjer lää, jer läät, schii läänt schlaa: schlagen; Gegenwart (Indikativ): ich schlaa, dü schlaascht, är old schii schlaat, wjer schlää, jer schläät, schii schläänt säge: sagen; Gegenwart (Indikativ): ich säge, du seyscht, är old schii seyt, wjer säge, jer säget, schii sägent ergaa: ergehen, verganden; äs ergeyt; schii ergäänt Der Konjunktiv Präsens oder die Möglichkeitsform der Gegenwart schlaafu: schlafen: ich schlaafe, dü schlaafescht, är old schii schlaafe, wjer schlaafe, jer schlaafet, schii schlaafe erchranke: krank werden: ich erchranke, dü erchrankescht, är old schii
erchranke, wjer erchranke jer erchranket, schii erchranke Die unregelmässigen Verben haben fast immer auch einen unregelmässigen Konjunktiv Praesens: nä (nehmen): ich neemi, dü neemischt, är neemi, wjer neemi, jer neemit,
schii neemi Der Indikativ Imperfekt (Präteritum) fehlt. Er wird ersetzt duch die Vergangenheit (Perfekt) und diese wird gebildet mit der Gegenwart von hä (haben) oder sii (sein) und dem Mittelwort der Vergangenheit (Partizip Perfekt): wjer sii amabb ggangu: Wir gingen nach unten oder wir sind nach unten gegangen. Wjer hey schoo gwässerot: Wir haben schon gewässert. Der Konjunktiv Imperfekt (Präteritum) existiert und wird viel gebraucht: Die Möglichkeitsform des Imperfekts kann einen Wunsch ausdrücken: Gengischt du mjer ins Konsum: Würdest du mir zum Konsum gehen? Immer wenn man im Schriftdeutschen den Ausdruck: ich würde... , du würdest usw. sagt, dann wird der Konjunktiv Imperfekt gebraucht: Ich machti das nit: Ich würde das nicht machen. Ich welltider gääru Gäld gä, weni hätti: Ich würde dir gerne Geld geben, wenn ich Geld haben würde. Är tjeti zer Sach besser lüoge, wennder nit z' füüle weeri: Er würde besser zur Sache schauen, wenn er nicht zu faul wäre. Konjugation vom Konjunktiv Imperfekt: von schlaafu (schlafen): ich schlaafeti , dü schlaafetischt, är schlaafeti,
wjer schlaafeti, jer schlaafetit, schii schlaafeti. Aber auch: ich schlaafti,
dü schlaaftischt, är schlaafti, wjer schlaafti, jer schlaaftit, schii
schlaafti. von erchranke (krank werden): ich erschranketi (auch: ich erchrankti), dü
erchranketischt, är old schii erchranketi, wjer erchranketi, jer erchranketit,
schii erchranketi. Konjunktiv Imperfekt von unregelmässigen Verben: nä (nehmen): ich neemti, dü neemtischt, är neemti, wjer neemti, jer
neemtit, schii neemti. Ich neemti a Schlukk Wii, wemmer geebischt: Ich würde
einen Schluck Wein trinken, wenn du mir welchen anbieten würdest. Die Vergangenheit (Perfekt) wird sowohl in der Wirklichkeitsform (Indikativ) als auch in der Möglichkeitsform (Konjunktiv) gebraucht. Är weyss, dasser flott gschafft het: Er weiss, dass er gut gearbeitet hat. Är seyt, är heyge güot gschafft: Er sagt, er habe gut gearbeitet. Mu meynt, är siige daa gsi: Man meint, er sei dort gewesen.Mu ischt sicher, är ischt daa gsi: Man ist sicher, dass er dort gewesen ist. Das Perfekt wird wie im Schriftdeutschen mit haben oder sein im Präsens +
Partizip Perfekt gebildet: Die reflexiven Verben: Ich hämi verwundrot: Ich habe mich gewundert. Die intransitiven Verben, die keine Veränderung des Ortes oder des Zustandes ausdrücken: Dische Meyjo het a Schutz gibljeet: Diese Blume hat lange geblüht. Mit sein werden konjugiert: Die Bewegungsverben z.B.: Ich bi der ganz Tag
gluffu: Ich bin den ganzen Tag gelaufen. Ds Chjeli ischschi gitroolot: Die Kuh
ist uns den Abhang hinuntergerollt. Wjer sii in d'undru Schtaale gfaaru: Wir
sind nach Unterstalden gezügelt. Schii ischt us um Hüüs ggangu: Sie ist aus
dem Haus gegangen. Die intransitiven Verben, die eine Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen: Dische Meyjo ischt verbljet: Diese Blume ist verblüht. Der Indikativ vom Plusqamperfekt (Vorvergangenheit) existiert im Terbiner Deutsch nicht mehr, wohl aber der Konjunktiv Plusquamperfekt: Der von Dr. Elisa Wipf geschriebene Satz im Indikativ Plusquamperfekt: är
hetsus vergässu kkäbet: Er hatte es vergessen; wird heute nicht mehr gesagt. Konjunktiv Plusquamperfekt: von schlaafu: ich hätti gschlaafu, dü hättischt gschlaafu, är old schii
hätti gschlaafu, von erchranke: ich weeri erchranket, dü weerischt erchranket, är old schii weeri erchranket, wjer weeri erchranket, jer weerit erchranket, schii weeri erchranket. Ich weeri cho, weni Ziit hätti kkäbet: Ich wäre gekommen,wenn ich Zeit gehabt hätte. Dü hättischt gschlaafu, wemu key Chrach hätti gmacht: Du hättest geschlafen, wenn man keinen Lärm gemacht hätte. Redensart: Wenn der Wellti und der Sellti nit weeri, de gengi mengs besser. Die Bildung der Zukunft (Futurum) Die Visperterminer bilden die Zukunft wie folgt: 1. Mit dem Wörtchen de: ich chumu de: Ich werde kommen. Leideform (Passiv) In Visperterminen kennt man kaum die Leideform (Passiv) im Indikativ. Die Leideform wird wiedergegeben mit dem Indikativ Perfekt Aktiv. Man sagt kaum: är ischt erzogu woordu. Man sagt: mu hetno (hat ihn) erzogu: Man hat ihn erzogen = Er ist erzogen worden; oder: schii heyntno erzogu: Sie haben ihn erzogen = Er ist erzogen worden. Dazu die Möglichkeitsformen: Konjunktiv Perfekt: Mu meynt, mu heygeno güot erzogu: Man meint, er sei gut
erzogen worden. Är het gseyt, schii heyno old schii heygeno gibriglot: Er
sagte, er sei verprügelt worden. Das Mittelwort der Gegenwart (Partizip Präsens) In Visperterminen braucht man das Mittelwort der Gegenwart (Partizip Präsens) wie im Hochdeutschen: der löüffund Jud; der schtiichund Aropser (das stinkende Aufstossen); schniijundi Guggsa: stürmisches Schneetreiben. Das Mittelwort der Gegenwart aller Verben endet auf - und. Dann aber kann das Partizip Präsens auch auf u enden und bleibt dann immer unverändert: schii sind flännendu cho: Sie kamen weinend. Schii ischt schnaaggendu derdirr ambrüüf: Sie ging kriechend den Berg hinauf; der Schtey ischt troolendu derdirr ambri: Der Stein ging rollend nach unten. Das Mittelwort der Vergangenheit (Partizip Perfekt) Es hat keinen grossen Sinn Regeln aufzustellen für die Bildung des
Partizips Perfekt. Man muss diese Bildungen im Gefühl haben: gibibinot:gebebt,
zu bibinu; gibissu: gebissen; giblibu: geblieben; gipolot: gepoltert; gipakkt:
gepackt; gibredigot: gepredigt; gibschowwot: beschaut; gipfiifot und gipfiffu:
gepfiffen; giglöübt: geglaubt; gigrüüset: gegraust; gikkaaltot: versteckt;
gideycht: gedacht; gidolet: geduldet; gitaa: getan; gitrüüchu: getrunken;
gitseycht: gezeigt; gitswurnot: gezwirnt; Die Modalverben In Visperterminen braucht man auch viel die sogenannten Modalverben: chännu:
können; därffu: dürfen; wellu: wollen;sellu: sollen; mjessu: müssen; mägu:
mögen, vermögen.Diese Verben werden meistens als Hilfsverben verwendet und
bezeichnen dann die Art und Weise des Geschehens:
Der Imperativ Der Befehl richtet sich an die zweite Person Singular: nimm: nehme; gangg nit awägg: Geh nicht weg! Der Befehl richtet sich an uns alle (erste Person Plural): gääwer: gehen wir; lääwers: Lassen wir es sein! Der Befehl kann sich auch an die zweite Person Plural richten: Nämet: Nehmt! Auch als Höflichkeitsform wird die zweite Person Plural gebraucht: Nämet: Nehmen Sie! |